Praxisgebühren Stress ohne Einsparungen

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.3.2012 | 21.00 Uhr | SWR Fernsehen

Jedes Quartal sind beim ersten Arztbesuch für gesetzlich Versicherte 10,- Euro Praxisgebühr fällig. Die Krankenkassen haben inzwischen Milliardenüberschüsse. Politiker und Experten diskutieren deshalb über eine Abschaffung dieser Gebühr, mit der eigentlich eine Hürde geschaffen werden sollte, nicht mit jeder kleinen Schramme zum Arzt zu gehen.

In deutschen Arztpraxen sind die Wartezimmer voll, die Ärzte gestresst. Die Fließbandarbeit bei deutschen Ärzten sollte die Praxisgebühr eigentlich ändern. Passiert ist das Gegenteil: Die Zahl der Arztbesuche steigt trotz Praxisgebühr. Durchschnittlich 18 Mal pro Jahr geht jeder Deutsche zum Arzt.

Volle Praxen trotz Gebühren

Bei Landarzt Arthur Sterzing können es schon mal 150 Patienten pro Tag werden. Der Arzt auf dem Land ist auch Seelsorger: Geändert hat die Praxisgebühr daran nichts. Er erzählt, dass er eine Reihe von älteren Herrschaften medizinisch betreut, die einsam in ihren großen Häusern leben, weil die Kinder in der Stadt sind. Deren Höhepunkt ist der wöchentliche Besuch beim Arzt und der Austausch mit anderen Patienten. Fröhliches Diagnosetauschen spielt eine ganz große Rolle.
Bei Dr. Eckard Starke bietet sich das gleiche Bild. Pro Patient bleiben dem Arzt nur noch acht Minuten. Auch für ihn ist die Praxisgebühr ein völliger Fehlschlag. Steuerungswirkung beim Patienten ja, aber in die falsche Richtung. Wenn schon mal die 10,- Euro bezahlt sind, dann versuche man möglichst oft noch mal in diesem Quartal zu kommen, berichtet der Arzt von seinen Eindrücken.

Quartalsflatrate – die Praxisgebühr ist gescheitert

Dr. Ferdinand Gerlach ist Professor für Allgemeinmedizin. Er sitzt im Sachverständigenrat, berät die Bunderegierung. Bei der Bewertung der Praxisgebühr sind sich Ärzte, Verbände und Experten einig: Man kann die Praxisgebühr in der jetzigen Form nur als gescheitert bezeichnen, Man wollte damit die Inanspruchnahme reduzieren, diese Wirkung ist nicht eingetreten. Im Gegenteil: Viele Patienten betrachten die Praxisgebühr als eine Art Quartalsflatrate und nehmen dann zügig und häufig Ärzte und Leistungen in Anspruch, so Prof. Gerlach.
Die Praxisgebühr ist ein Flop. Das weiß selbst die Politik. Noch in dieser Legislaturperiode wollte die Regierung etwas ändern. Wir wollen wissen, wann endlich etwas passiert. Konkretes kann man uns nicht sagen. Vielmehr heißt es, dass es nicht ohne weiteres möglich ist, die Praxisgebühr ersatzlos abzuschaffen. Sie bringt immerhin knapp zwei Milliarden Euro jährlich ein.

Bringt sie wirklich so hohe Einnahmen? Wir rechnen nach: Von den 1,9 Milliarden Euro muss man eine Menge wieder abziehen:

Bürokratiekosten

Allein der Verwaltungsaufwand in den Arztpraxen schlägt mit 360 Millionen Euro zu Buche.

Inkassokosten

Immer mehr Patienten drücken sich vor der Praxisgebühr. Mahnverfahren kosten circa 8 Millionen Euro.

Folgekosten

Immer mehr arme Menschen hält die Praxisgebühr vom notwendigen Arztbesuch ab. Die Folge: Krankheiten werden zu spät entdeckt und behandelt. Kosten, die bisher noch niemand beziffern kann.

Kosten für Verordnungen

Noch ein Kostentreiber: Mehr Arztbesuche bedeuten auch mehr Verordnungen, denn bei jedem zweiten Besuch nimmt der Patient ein Rezept mit.

Fazit

Den Einnahmen stehen immense Ausgaben gegenüber. Die Praxisgebühr ist weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll. Fest steht: Strafzahlungen sind der falsche Weg.

Vorbild Niederlande

Prof. Ferdinand Gerlach vom Sachverständigenrat erklärt, dass wir andere Strukturen brauchen und eine andere Systematik bei der Honorierung von Ärzten. Die Systematik müsse belohnen, dass Ärzte mit Ihren Patienten reden, dass sie sich Zeit nehmen, dass sie ein Interesse haben, Patienten gesund zu erhalten. Sie dürfe nicht Anreize schaffen, dass unnötige Leistungen erbracht werden, nur damit sie abrechenbar werden, so der Experte.

In den Niederlanden wird das praktiziert, was sich deutsche Experten wünschen: Ein anderes Honorierungs- und Anreizsystem. In der Hausarztpraxis Gennep treffen wir Marko van den Dool. Er hat seinen festen Patientenstamm: Die Niederländer sind verpflichtet, sich bei einem Hausarzt einzuschreiben. Der bekommt eine Pauschale, ganz gleich, ob die Patienten kommen oder nicht.

Van den Dool erklärt, dass die niederländischen Ärzte deshalb keinen Anreiz haben, den Patienten extra kommen zu lassen. Sie haben ein sicheres Einkommen und je gesünder der Patient, desto besser für den Arzt.
Patienten zahlen zu lassen, um sie vom Arztbesuch abzuhalten, so etwas ist hier völlig überflüssig. Der Effekt: Marko van den Dool kann sich viel Zeit für seine Patienten nehmen: 15 Minuten im Schnitt, gerade mal acht Minuten sind es in Deutschland.
Der niederländische Arzt erklärt dazu auch seine Meinung: Wenn man Zeit hat für den Patienten und wenn man sich in die Problematik der Patienten vertieft, steigert das auch die Qualität der Versorgung und die Patienten haben weniger Arztbesuche nötig.

Ärztehopping gibt es nicht

Die Zahlen geben ihm Recht: Sechs Mal gehen die Niederländer pro Jahr nur zum Arzt, die Deutschen 18 Mal. Für die Kosten hat der Hausarzt hier eine zentrale Funktion. Er ist erste Anlaufstelle. Teures Ärztehopping von Facharzt zu Facharzt ist nicht möglich.
Damit das Modell funktioniert, ist Arbeitsteilung wichtig. In der Hausarztpraxis treffen wir Willemien Janssen. Sie ist Praxisunterstützerin und kümmert sich um die chronisch Kranken und darum, dass die Patienten gesund bleiben. Wer hier anruft, bekommt nicht sofort einen Termin. Die Doktor-Assistentinnen versuchen zuerst selbst zu helfen. Ihr Verdienst dabei: Gut ein Drittel weniger Arztbesuche.

Obwohl sie ihren Arzt so wenig sehen, finden wir bei den niederländischen Patienten die größte Zufriedenheit in Europa. Die Deutschen dagegen gehen am häufigsten zum Arzt und sind trotzdem unzufrieden.